Was ist Karate?

Die Geschichte des Shotokan Karate

Der Ursprung des Karate liegt in Okinawa. Weit vom japanischen Festland entfernt befindet sich die Insel, deren Bewohner bereits vor vielen Jahrhunderten Kampftechniken entwickelt haben, mit deren Hilfe sie sich gegen Angreifer zur Wehr setzten. Durch den regen Handels- und Kulturaustausch mit asiatischen Nachbarländern entstand aus den bereits existierenden einheimischen Waffen- und Kampftechniken eine vielseitige Kampfkunst. Besonders die Wirtschaftszentren Shuri, Naha und Tomari waren Ausgangspunkt dieser Entwicklungen.

Die Kampfkünste auf Okinawa wurden im Jahre 1429, nach dem von König SHO SHIN erlassenen Waffenverbot, immer populärer. Bereits bevor sich der chinesische Einfluss des Chuan-Fa auf der Insel geltend machte, wurde die Kampfkunst Te (Te = Hand) bereits von einigen Meistern gelehrt. Dies geschah meist in kleinen Schulen und in sich abgeschlossenen Zirkeln. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Kampfkunst damals nicht einheitlich oder, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, komplett war.

Im Jahre 1372 siedelten sich in Naha chinesische Familien an, die chinesische Kampfkünste und die Religion des Buddhismus einführten. Es heißt, dass sie das Te rund um Naha beeinflussten. Das dort gelehrte Naha-Te (später Shorei-Ryu, Ryu = die Bezeichnung für Schule) gilt als inspiriert von der Tradition des Chuan-Fa, dem chinesischen Boxen. Es enthielt sowohl dynamische als auch starke Bewegungen und betonte die Atmung und eine schnelle Kraftentwicklung der Techniken. Das Interesse der Einwohner Okinawas an der chinesischen Kultur war groß und somit konnten sich die Philosophie und die Kampftechniken des chinesischen Boxens (Kempo) in einigen Regionen Okinawas ausbreiten. Andere Verbreitungsgebiete des Te waren Tomari und Shuri (die hier entwickelten Stile wurden später auch Shorin- Ryu genannt). Der chinesische Einfluss machte sich in den atembetonten Techniken und runden Abwehrbewegungen bemerkbar. Das Tomari-Te enthielt beide Elemente.

Da die Bewohner Okinawas vorwiegend Bauern, Fischer oder Händler waren, werden die spezifischen Eigenheiten der alten Stile durch die unterschiedlichen Berufstraditionen erklärt. Bauern bevorzugten einen Stil mit tiefen Ständen, um aus dieser Stellung heraus mit Armen und Beinen zu kämpfen. Ein anderer, kraftvoller Stil mit zahlreichen starken Armbewegungen beruhte auf der Tradition der Fischer. Die Bauern und Fischer waren auch im Umgang mit ihren Arbeitsinstrumenten als Waffen einfallsreich. Das Kobudo, der Umgang mit Bo, Tonfa, Nunchaku Kama und anderen als Waffen eingesetzten Arbeitswerkzeugen, stammt aus dieser Zeit. Das ist wichtig für das Verständnis zahlreicher Techniken der heutigen Katas: sie enthalten teilweise noch (Abwehr-) Bewegungen gegen diese Waffen.

Die Besetzung Okinawas 1609 durch die Japaner führte unter der Satsuma-Dynastie unter leshisa SHIMAZU zu einem Verbot des Te, das dann nur noch heimlich ausgeübt werden konnte. Dennoch existierten Meister, die ihr Wissen direkt an ihre Schüler weitergaben. Ihre Kampftechniken wurden in den Katas verschlüsselt zum Ausdruck gebracht. Trainiert wurde auch am Makiwara, auf dem die Techniken mit vollem Kontakt geübt werden konnten. Die im Lebensalltag der Menschen existierende Notwendigkeit, einen bewaffneten Aggressor mit einer entscheidenden Technik außer Kraft zu setzen, - gegebenenfalls sogar zu töten - drückte sich in der gesamten Trainingsweise aus, in der die Konzentration und die Fokussierung auf vitale Körperpunkte eine große Rolle spielten.
Die Meister dieser Kunst genossen große Anerkennung in der Gesellschaft, waren jedoch keine Allmächtigen. Es ist müßig, die im Dunkel der Geschichte liegenden Anfänge des Karate mit philosophischen Aufwertungen zu versehen oder die Ursprünge der Kampfkunst historisch zu verklären. Fehlende schriftliche Zeugnisse machen hier jede derartige Aussage zur Spekulation. Sicher ist jedoch, dass das zur Selbstverteidigung geschaffene Kampfsystem der Fischer und Bauern Okinawas vor allem einem Zweck diente: einen an Waffen und Ausrüstung überlegenen Feind zu töten, um selbst zu überleben.

Nachdem die Mejin-Regierung, die 1872 die Satsuma-Herrschaft ablöste, die Macht übernommen hatte, verbreiteten sich die Kampfkünste im ganzen Land. Damals nannte man die dem Karate zu Grunde liegende Kampfkunst noch Okinawa- Te oder Tang-Te. Diese Bezeichnung (Tang heißt Chinesisch) drückte die hohe Achtung vor allem, was aus China stammte, aus. Das Te der damaligen Zeit gilt den meisten Historikern noch nicht als vollständige oder gar einheitliche Kampfkunst. Es hatten sich an verschiedenen Orten völlig unterschiedliche Stile entwickelt. Einige bestanden aus sehr wenigen Techniken, die über Jahre hinweg trainiert wurden. Manche Meister der Künste verfügten über ein geringes Technikrepertoire. Von einigen wird berichtet, dass sie ihr ganzes Leben lang lediglich 1-3 Techniken - diese allerdings bis zur Perfektion - praktizierten. Dabei bestanden zwischen den verschiedenen Schulen oft Rivalitäten und es kam nicht selten zu Konflikten zwischen den Anhängern, was sich negativ auf die Reputation der Kampfkunst auswirkte. Erst als Te Schulsport wurde, begann sich das Image dieser Kunst zu wandeln. Der junge Meister Gichin FUNAKOSHI hatte bei einer Vorführung seines Könnens bei Regierungsbeamten großen Eindruck hinterlassen und 1902 wurde Te als Schulsport auf Okinawa eingeführt. Jetzt entstand die Basis für eine Veränderung der früher auf das bloße Überleben ausgerichteten Kampfkunst in Richtung einer Sportart mit Breitenwirkung. Interessant ist die damalige Begründung für die Einführung von Karate als Schulsport: Karate galt als der Konzentration und der körperlichen Verfassung der Schüler förderlich. Der Aspekt der Selbstverteidigung stand eher im Hintergrund.

Gichin FUNAKOSHI, der 1868 geboren wurde, erreichte schnell eine große Popularität und reiste nach Japan, wo er bis zu seinem Lebensende blieb und mit großem Erfolg das moderne (Shotokan-) Karate entwickelte. Er hatte bei den Meistern AZAT0 und ITOSU gelernt und entwickelte aus seinem großen Wissen heraus nicht nur das moderne Karate, sondern auch den Shotokanstil. Er japanisierte die chinesische Bezeichnung Tang (Tang-Te hieß chinesische Hand) und führte das japanische Zeichen und den Begriff Kara (Kara heißt leer) ein. Dies geschah auch als Reaktion auf das zunehmende Selbstbewusstsein der Japaner und ihre Distanzierung von chinesischen Einflüssen. Der Begriff Kara beinhaltete jedoch ebenso die philosophischen Prinzipien, die in das Karatesystem als Weg zur Vervollkommnung des Charakters, zur Einheit von Körper und Geist, integriert wurden.

Nachdem FUNAKOSHI 1917 erstmals in Japan seine Kunst demonstriert hatte, folgte die rasante Verbreitung des Karate. Er verfolgte sein Ziel, Karate zu verbreiten, mit großem Eifer, was ihm umso erfolgreicher gelang, da er sehr gebildet war und nicht nur als Karatelehrer, sondern auch als Künstler höchste Achtung in Regierungskreisen und bei der Kaiserfamilie genoss. FUNAKOSHI arbeitete als erfolgreicher Kalligraf und Schriftsteller, der seine Werke unter dem Künstlernamen Shoto veröffentlichte. Er wurde in Japan bekannt und fand zunehmend neue Anhänger, vor allem an den Universitäten und in Militärkreisen. Seine Popularität an den Universitäten verhalf seiner Karaterichtung später zu ihrer weltweiten Verbreitung, denn viele seiner Schüler bereiteten sich hier darauf vor, später im Ausland zu arbeiten.

Ergänzend zur Übungsform des Karate in Form der Katas entwickelte FUNAKOSHI in den 30er Jahren das Partnertraining: Gohon Kumite, Kihon lppon Kumite, Jiyu lppon Kumite und den Freikampf. Er entnahm Passagen aus den Katas und ließ verschiedene Techniken mit dem Partner trainieren. Im Kihon wurden zusätzlich auch Techniken geübt, die in den Katas nicht enthalten waren. Damit war ein Programm entstanden, das der Selbstverteidigung nahe kam. Das Training der Katas war jetzt mehr dem Zweck gewidmet, Flexibilität, Schnelligkeit und Kräftigung der Muskulatur zu erzielen. Ästhetische Dimensionen wurden in der Katapraxis zunehmend stärker berücksichtigt. Die bis heute in der täglichen Karatepraxis übliche Dreiteilung des Trainings in Kihon, Kumite und Kata entstand zu dieser Zeit.


News
Veit Neblung
17.08.2011
Fünf Minuten für Dich, ein ganzes Leben für mich.


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